Aus dem Tagebuch einer Tierschützerin, 19. August
Carolinchen und die heißen Nächte Spaniens
4 h morgens. 30 Grad. Nicht zu fassen. Luftfeuchtigkeit? Keine Ahnung. Aber hoch, sehr hoch. Das sagt mir meine am nassgeschwitzten Körper klebende Tarnkleidung. Mit einem Papierküchentuch von der besten Marke, die es gibt, weil saugfähiger, fahre ich mir immer wieder übers Gesicht und den Hals um mir den Schweiß notdürftig abzuwischen.
Ich hasse es zu schwitzen. Meine idealen Temperaturen liegen so zwischen 15 und 19 Grad. Was hat mich bloß dazu getrieben, in diesem Land zu bleiben? Wie gerne wäre ich jetzt in Skandinavien, Kanada, Alaska, Grönland oder am Nord- oder Südpol.
Während ich so still in mich hineinmaule, habe ich schon den ersten Teil meiner Katzenrunde geschafft. Die Katzen vom Sportgelände sind bereits versorgt. Vom cremefarbenen Kater keine Spur. Der wird sich sicher jetzt ein paar Tage lang nicht mehr blicken lassen.
Gestern hätte ich ihn fast mit dem Netz erwischt. Aber er war den Bruchteil einer Sekunde schneller als ich. Kurz bevor der Rahmen des Netzes auf dem Boden aufkam, entwischte er unten durch. Mist. Dabei wäre es so dringend nötig, diesen Kater endlich einzufangen. Er schwängert nämlich so gut wie alle Katzendamen des Stadtviertels. Er ist der absolute King der nächtlichen Straßen.
Ächzend ziehe ich mich wieder den Zaun hinauf. Ich nehme seit einigen Wochen die Leiter nicht mehr. Das war mir zu auffällig. Gerade so um 4 h morgens patrouilliert die Guardia Urbana in ihrem Dienstwagen dieses Stadtviertel.
Oft musste ich mich schnellstens irgendwo verstecken. Nicht ganz einfach mit einer geschulterten schweren Leiter. Und irgendwann wurde es mir dann eben zu dumm. Jetzt bleibt die Leiter im Auto und wenn der Polizeiwagen vorbeifährt, passiert nichts. Jemand, der des Nachts mit zwei Rucksäcken und einem Hund durch die Gegend spaziert ist nicht so verdächtig wie jemand mit zwei Rucksäcken und einer Leiter. In den Rucksäcken könnte sich ja Diebesgut befinden.
Ich hole Charly aus dem Auto und da kommt schon die kleine Tigerkatze laut grüßend angeflitzt. Das ist die, die auf dem Dach war. Zu Charly hat sie schon großes Vertrauen gefasst. Trotz des großen Maules das ihr von oben entgegenlacht. Also, ich sähe so ein weit geöffnetes großes Maul und diese blitzenden Zähne so über mir……. mehr als auf fünf Meter würde ich mich nicht an diesen Hund heranwagen.

Aber sie ist furchtbar liebebedürftig. Es scheint, sie braucht ein Lebewesen, an dem sie herumschnurren kann. Und der gute Charly lässt es sich, gutmütig wie er mit Katzen ist, gefallen. Doch heute war das Tigerkätzchen besonders liebebedürftig und suchte viele Streicheleinheiten.
Sie schmiegte sich an Charly, an den ganzen Charly. An die vier Pfoten, den Hintern, unterm Bauch. Sie schlängelte sich förmlich um ihn und unter ihm hindurch. Und dabei immer frohlockend miauend.
Da wurde es dem Charly aber zu dumm. So viel Liebesbeweise…. das ging ihm auf die Nerven. Er brummte laut und schnappte sie und schüttelte sie ein bisschen. Mir bleib das Herz stehen. Aber ich kam gar nicht dazu laut “Charly” zu schreien, da befand sich das Kätzchen plötzlich auf zwei Meter Abstand.
Genauso erschrocken wie ich. Charly hatte sie nur gepackt und weggeschleudert, nicht gebissen. Mir fiel ein Stein vom Herzen. Denn wenn Charly zubeißt…….. Er ist ein Pitbull-Mischling. Aber das Maul ist haargenau das eines Pitbulls. Und wenn die zubeißen……
Arme Kleine. Ich sprach auf sie ein, aber sie blieb auf Abstand. Besser so. An mich traut sie sich noch nicht heran. Nur bis auf ein paar Zentimeter. Aber das wird schon noch. Sobald ich die Auffangstation habe, hole ich sie von der Straße. Ich hoffe doch, dass ich eine liebevolle und geduldige Person für sie finden werde. Das Kätzchen schreit förmlich nach Streicheleinheiten.
Aber seltsam finde ich es schon, dass die Straßenkatzen sofort Vertrauen zu Charly haben, aber nicht zu mir. Er ist doch von Natur aus ihr Todfeind. Und ich bringe da jede Nacht Futter, lassen mich aber nicht an sie heran. Charly aber schon. Sogar der cremefarbene Kater, The King of the Road (hihi) duldet ihn nahe bei sich.
Da kam mir die Siamesenkatze auf der Mauer entgegen und forderte ihre Kopfstubser. Jeden Morgen wartet sie auf mich, reckt und streckt sich mir schon entgegen und will, dass wir die Köpfe zusammenstoßen. Es scheint ihr einen Riesenspass zu machen. Naja, mir auch. So viel Vertrauen ist schon rührend.

So lief ich schwitzenderweise weiter. Da nähert sich mein inzwischen vor Tagen wieder aufgetauchter Grau-Weißer. Und er war außerhalb der Abzäunung. Und ich hatte das Netz dabei. Ha-haaaaaa. Heute erwisch ich dich.
Ein Klacks Dosenfutter auf den Gehweg während ich auf ihn einsprach. Er begann zu fressen, beäugte mich aber argwöhnisch aus den Augenwinkeln und drehte sich immer so, dass er mit dem Gesicht zu mir stand.
Schlauer Bursche. Aber ich tat unschuldig und sprach mit dem Siamesenkätzchen, so als ob nichts wäre. Da….. zack…. und das Netz war über dem Grau-Weißen, der sofort wie wild zu springen begann. Mir tun sie ja wirklich schrecklich leid. Ich mag es nicht, ihnen Schmerz und Stress zuzufügen. Aber was soll man machen? Das Katzen elend ist groß und das was ich dazu beitragen kann, es zu verhindern, das tue ich. Auch wenn die Katzen während ihrer Gefangennahme, beim Tierarzt, vor und nach der OP Stress und Schmerz erleiden.

Sofort warf ich eine Decke über ihn, damit er ruhig wurde. Schnell holte ich die Betäubungsspritze aus dem Rucksack, die erstaunlich schnell wirkte. In nur zwei Minuten schnarchte der Arme laut unter der Decke.
Ich nahm ihn mitsamt Netz und Decke auf, band Charly los, der ganz aufgeregt jaulte. Der Jagdinstinkt ist durch den springenden Kater geweckt worden. Aber ich rufe ihn streng zur Ordnung. Trotzdem würde er gern mal so ein bisschen in das Bündel, das ich auf dem Arm trage, reinbeißen. Nix da. Schön bei Fuß und Schluss.
Er tappt bedröppelt mit schräg abstehenden Ohren neben mir her. Ich binde ihn an einen Laternenpfosten, ganz nah beim Auto, wickle den betäubten Kater aus Decke und Netz und lege ihn in eine Transportbox.

Da höre ich wie sich langsam, gaaaaanz langsam ein Auto nähert. Ich brauch gar nicht hinzuschauen. Ich weiß, das ist die Guardia Urbana. Die schleichen immer so langsam des nächtens durch die Gegend. Als sie auf meiner Höhe sind, schaue ich zu ihnen rüber und erkenne, dass auch die beiden Beamten mich argwöhnisch begutachten, halten aber nicht an. Besser so.
So denn, auf zum Rest der Katzenrunde. Da taucht der “King of the Road” auf. Na, dich erwisch ich auch noch. Keine Sorge. Dir wird das Katzenschwängern schon noch vergehen. Leider werden da wohl noch Tage oder Wochen vergehen und daher werden leider noch viele Kätzchen, die dann elendiglich eingehen müssen, geboren werden.
Er bleibt vorsichtshalber hinter der Mauer sitzen und schaut zu Charly und mir rüber. Aber da ich keine bösen Absichten gegen ihn hege, im Moment jedenfalls nicht, begleitet er uns ein Stück auf der Katzenrunde.
Ich bin nassgeschwitzt, das Küchenpapier ist schon durchtränkt mit meinem Schweiß und hilft mir jetzt auch nicht mehr. Als ich um die Ecke biege, wo ich einen Trinkwasserbrunnen weiß, sehe ich da schon die netten Agenten von der Guardia Urbana.
Naja. Auch sie leiden unter der Hitze und haben Durst und so stehen wir Schlange vor dem Brunnen. Ich lächle die beiden nett an und erkläre ihnen meine nächtliche Anwesenheit auf den Straßen von Mataró.
Angriff ist die beste Verteidigung. Sag ich immer. Erst beäugen sie noch argwöhnisch meinen Charly, der mit weit geöffnetem Maul hechelt. Ich sags ja, das Maul von Charly beeindruckt. Aber als sie sehen, dass er eine Seele von Hund ist, kommen wir locker ins Gespräch.
Sie finden es sehr gut, was wir machen. Es gäbe zu viele Katzen und so viele leiden an Krankheiten und keiner kann sich um sie kümmern. Schau an, tierliebe Polizisten. Irgendwie überrascht es mich in Spanien immer, tierliebe Staatsbeamte zu finden. Aber es gibt sie. Noch ist nicht alles verloren.
Sofort erkläre ich ihnen auch, dass ich nachts immer verbotenerweise über den Zaun vom Sportgelände klettere und aus welchen Gründen. Sie schmunzeln verständnisvoll. Sie würden mich nicht festnehmen. Na, ein Glück. Aber jede Woche sind andere Polizisten auf der Nachtrunde. Da werde ich wohl mit allen Freundschaft schließen müssen. Na, das kann ja heiter werden. Das dürften so an die hundert Polizisten sein.
Zuhause angekommen, wacht der Kater langsam auf. Da es fürchterlich heiß ist, er total nervös ist und er sich zudem in einer kleinen Box befindet, stelle ich gleich zwei Ventilatoren vor und neben die Box. Wir haben im Lokal leider keine Klimaanlage.

Er beginnt zu hecheln. Oh weh. Hoffentlich bleibt ihm nicht das Herz stehen, wie das vor drei Wochen bei einem meiner Katzen passiert ist. Hitze, Stress, Angst, halb betäubt….. da hat das kleine Herz zu schlagen aufgehört. Ich raste mit dem Auto wie wild durch die mittäglichen Straßen meiner Stadt, die Hand immer auf der Hupe, alle roten Ampeln ließ ich hinter mir, Loli neben mir mit dem bereits toten Katerchen auf dem Schoß. Sie rief: Carol, es bringt nichts. Er ist tot. Er atmet seit Minuten nicht mehr.
Aber nix da. Man muss es wenigstens versucht haben. Ich lasse sie vor der Klinik raus, sie rennt hinein, ich parke, renne hinterher. Hinein in die Intensivstation… Loli blickt auf: Er atmet. Meine Beine fühlten sich an wie Kaugummi. Ich musste mich erstmal hinsetzen. Noch immer habe ich das Bild vor Augen wie Loli mit dem in ihren Armen leblos hin- und her schlenkernden Körper meines kleinen Katers hinter der Kliniktür verschwindet.
Deswegen: Betäubungsmittel, Panik, Hitze…… das ist nichts für Katzenherzen. Und so sitze ich hier, am Schreibtisch, links neben mir eine Rolle Küchenpapier, von der besten Marke, weil saugfähiger wie ich oben schon bemerkte und schwitze vor mich hin. Ein Ventilator steht vor dem alten Aids-kranken Kater und zwei vor dem Grau-Weißen, der leider erst morgen kastriert werden kann. Loli hat heute keine Zeit.
Aber ich freue mich, dass es ab morgen etwas weniger Katzenelend in meiner Stadt geben wird. Mit einem Kater weniger. Nicht, dass mir diese Methode gefallen würde, denn man greift in die gesamte Sozialstruktur einer Gruppe ein. Ein kastrierter Kater oder sterilisierte Katze werden meist nicht mehr von den anderen geduldet. Sie werden vertrieben und leben abseits der Gruppe, allein. So wie es auch dem Tigerkätzchen seit der Operation ergeht. Und einigen anderen dieser Katzenkolonie. Sie werden vom “King of the Road” allnächtlich vertrieben.
Wozu sollte er das Tigerkätzchen noch in der Gruppe dulden? Mit ihr kann er sich ja nicht mehr fortpflanzen. Also weg mit ihr. Solange ich nicht alle Katzen dieser Gruppe vom Sportgelände kastriert bzw. sterilisiert habe, werden die operierten Tiere wie Aussätzige behandelt. Sie leben abseits, dürfen nur zum Schluss ans Futter, wenn fast nichts mehr da ist, pflegen keine Sozialkontakte mehr zu denen, die mal ihre Familie waren.
Aber es wird der Tag kommen, an dem auch der “King of the Road” nicht mehr als Alphatier akzeptiert und aus der Gruppe verstoßen werden wird. Das wird der Tag sein, an dem ich ihn mit dem Netz einfange. Er tut mir jetzt schon leid.









