Aus dem Tagebuch einer Tierschützerin 31. August
Carolinchen und das hysterische Weibsbild
Moin, moin, Martinchen. Heute ist mir was passiert. Ich hab vielleicht ne Wut im Bauch. Hysterische Weibsbilder gibt`s. Nicht zu fassen.
Seitdem wir in dem Lokal sind, habe ich schon die verschiedenen Katzengruppen, die im Umkreis leben, unter die Lupe genommen. Da gibt es ein kleines Grüppchen, 2 Kater und eine Katze, die an einer kleinen begrünten (naja, das mit “grün”…. wohl eher braun verbrannt) Straßenecke inmitten eines belebten Stadtviertels lebt.

Fast täglich, nach meiner Rückkehr von der Katzenrunde sah ich eine ältere Frau, die ihnen Futter brachte. Sie lassen sich sogar von ihr anfassen. Obwohl ich versuchte, mit ihr ins Gespräch zu kommen, war sie immer recht kurz angebunden.

Aber weißt ja, ich lass nicht locker und die letzte Woche haben wir schon nett geplaudert. Über Straßenkatzen natürlich. Sie sprach von der Notwendigkeit, diese Tiere zu kastrieren, da sie sonst alle 4 Monate (hier im warmen Mittelmeerklima werden die Katzen bis zu 4 mal im Jahr rollig) Junge haben. Und die werden dann überfahren, werden krank… naja, das Thema kennen wir ja zur Genüge.
Ich erklärte mich bereit, “ihre” Katzen einzufangen, kastrieren und zu impfen. Sie war begeistert. Sie sagt, ja, unbedingt, das müssen wir machen. Schau die Kleine ist schon wieder trächtig. Ja, ich hatte ihr beginnendes Bäuchlein bemerkt.

So verblieben wir für heute, denn ich brauchte diese Frau, um die Katzen mit dem Netz einfangen zu können. Mich kannten sie noch nicht und misstrauten mir daher. Aber wenn sie da ist, wuseln sie immer um uns herum. Da wäre es ein Leichtes alle drei in einer Nacht einzufangen.
So erhob ich mich um halb drei mit einer Müdigkeit…. seufz. Am Abend zuvor hatte ich einen Katzennotfall eines Nachbarn zu betreuen und kam spät ins Bett. Meine Katzenrunde ohne Vorkommnisse, zurück zum Lokal, fütterte und säuberte meine Katzen, wischte das Lokal durch, schnappte mir das Netz und die Lebendfalle und begab mich zu dieser Straßenecke.
Die Falle stellte ich schon einmal auf, für das Netz musste ich auf diese Frau warten. Ich setzte mich müde (es war erst 5 h) auf ein Mäuerchen und beobachtete die Lebendfalle. Ich wiederum wurde von Marokkanern beobachtet. Aus Augenwinkeln beobachtete ich sie misstrauisch. Aber sie zogen von dannen. Ein Glück. Dieses Stadtviertel ist bei Dunkelheit ganz und gar nicht zu empfehlen. Aber was soll ich machen? Katzen sind Nachttiere.
Und so sass ich da und wartete. Auf einmal kam ein Herr des Weges, bemerkte die Lebendfalle und näherte sich ihr. Ich rief ihm leise zu, dass er sich doch bitte davon entfernen sollte, da ich hoffte, dass da gleich eine Katze reingeht. Er kam neugierig zu mir herüber und fragte, was ich denn da mache. Im Flüsterton erklärte ich es ihm.
Ah, ja, das ist gut. Hier gibt es immer Katzen und die schreien nachts so und dann stinkt´s auch manchmal sehr. Jaja. Sehr gut. Ich war müde und hatte keine große Lust auf eine Unterhaltung. Immer wieder schaute ich die Strasse hinunter, um zu sehen, ob diese Frau schon im Anmarsch ist. Die Katzen wuselten zwischenzeitlich misstrauisch unter den geparkten Autos herum, aber näher kamen sie nicht.
Da kam sie endlich. Als sie mich da sitzen sah, mit dem Netz neben mir und der aufgestellten Falle, war sie einer Ohnmacht nahe. Sie rief: Ay no, ay no. Das kann ich nicht. Rechne nicht mit mir, die Katzen zu fangen. Ay no. Ay nooooo. Ich kann das nicht mit ansehen. Die Armen. Sie werden sich erschrecken und sie werden schreien. Ay no. Ay noooo. Ich kann das nicht. Bitte, bitte, tue ihnen nichts. Mein Herz. Mein Herz würde das nicht aushalten.
Ich glaube, selten hat man ein dümmeres Gesicht gesehen als das meine in diesem Moment.
Ich versuchte sie zu beruhigen. “Aber “señora”, wir waren doch für heute verabredet, die Katzen einzufangen. Wenn Sie nicht da sind, ist das unmöglich. Sie kennen sie und werden sich nähern. Mir werden sie sich nicht nähern. Helfen Sie mir bitte, die Katzen zu fangen. Sehen Sie denn nicht, dass die Kleine schon einen dickeren Bauch hat? Wir können nicht mehr lange warten”.
Ay nooo. Qué no puedo. Ich kann nicht. Ich kann das nicht sehen, wenn sie leiden. Ich antwortete ihr, diesmal schon etwas ungeduldig, dass diese Katzen, wenn sie nicht kastriert und geimpft werden, weitaus mehr leiden werden und irgendwann wohl elendiglich an einer Krankheit zugrunde gehen, als im Moment des Einfangens und dann nochmal in der Klinik, bevor man ihnen die Narkose gibt. Naja, und nach der OP.
Ich mag´s auch nicht, aber da müssen sie eben durch, die Katzen. Anders geht´s nichts. Sie antwortete in hysterischem Ton: Si, si. Aber ich will das nicht sehen. Nun, schlug ich ihr vor: Lassen Sie mir das gewohnte Futter (gekochten Schinken) da, Sie gehen und ich werde versuchen, sie alleine einzufangen. Oh nein, oh nein, du wirst ihnen wehtun und du wirst sie nicht mehr zurückbringen.
Oh Mann. Martina. Ich habe ja wirklich viel Geduld. Aber nach einer durchwachten Nacht, müde bis zum Geht-nicht-mehr und dann so ein hysterisches Weibsbild. Wieso müssen Frauen immer nur so überreagieren? Da mischte sich der nette Herr ein und meinte, dass sie doch nach Hause gehen solle und mir das ganze überlassen.
Aber sie rief und zeterte und weinte und überhaupt, ihr Herz. Sie habe ein schwaches Herz und würde das nicht durchstehen. Durchstehen? Was denn durchstehen? Wenn hier einer was durchstehen muss, bin das ja wohl ich. Nächtelang treibe ich mich auf den Strassen umher um Katzen einzufangen, gebe so viel Geld für ihr Futter aus, so viel gebe ich noch nicht mal für das Essen für meinen Sohn und mich aus.
Ich versuchte ihr nochmal klar zu machen, dass, wenn sie nicht dableibt, ich die Katzen nicht einfangen kann, denn zu ihr haben sie Vertrauen. Nein, sie weinte und zeterte. Martina, wirklich, mit überkam eine Wut. Wie kann man nur so hysterisch sein?
Der nette Herr überzeugte sie, dass sie doch besser gehen sollte. Schluchzend zog sie von dannen. Aber klar, die Katzen kamen nicht herüber. Dieses ganze Theater hatte sie misstrauisch gemacht. Und ich hatte gehofft, dass ich heute diese drei auf einen Streich einfangen könnte. Aber klar, wenn mir diese Frau nicht wenigstens durch ihre bloße Anwesenheit dabei hilft, wird das noch lange dauern.
Denn jetzt muss ich die Tiere erst einmal an mich gewöhnen, damit sie Vertrauen fassen und das dauert Wochen und währenddessen wird die Kleine immer dicker. Ich mag es gar nicht, Katzen zu sterilisieren, wenn wirklich nur noch ein paar Tage bis zur Geburt fehlen. Das tut echt weh. Ich hab ab und zu mal zugeschaut, wenn Loli und Clara hoch trächtige Katzen sterilisierten. Die Kleinen waren total ausgereift, lebensfähig als sie sie aus dem Bauch der Mutter herausnahmen. Nein, das geht mir ziemlich gegen den Strich. Aber was soll man machen.
Und diese Kleine ist noch ziemlich am Anfang und ich will sie unbedingt jetzt einfangen. Aber dieses hysterische Weibsbild ist mir da wohl keine große Hilfe. Ich koche vor Wut, wirklich. Nicht zu fassen. Und mit Schlaf wird´s jetzt auch nichts mehr. Es ist schon halb acht und heute erwartet mich viel Arbeit außer Haus. Tierschutzarbeit, klar.









