Aus dem Tagebuch einer Tierschützerin, 5. Oktober
Eine ganz normale Nacht
Um 3 Uhr trat ich aus dem Haus. Vollmond. Mist. Da wird das Sportgelände wieder hell erleuchtet sein, was mich Nerven kosten wird. Ich fuhr durch die Stadt, parkte, öffnete hinten die Tür, die Siamesin hüpfte wieder, wie jeden Morgen, ins Auto und schmiegte sich laut schnurrend an Charly, der diese Freundschaftsbeweise geduldig über sich ergehen ließ. Vor allem schmiegte sie sich aber an einen der Futterrucksäcke. Ihren Rucksack.
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Ich schulterte die Rucksäcke, da klang lautes Katzengekreische an mein Ohr. Ich schaute um die Ecke: Mein King of the Road, gerade wieder im Sprung auf seinen unter einem Auto versteckten Gegner, kämpfte wohl um sein Revier und seine Katzendamen.
Ich lockte ihn, er verharrte, musste erst einmal wieder zurück in die Wirklichkeit kommen, dann überlegte er. Fressen oder kämpfen? Er entschied sich für das Erstere und ließ den Kater unter dem Auto Kater sein und trippelte hinter mir her, während der andere sein Heil in der Flucht versuchte.
Ich bog um die Ecke und meine Befürchtungen hinsichtlich des Licht des Vollmondes wurden sogar noch übertroffen: der schusselige Hausmeister der Sporthallen hatte wieder einmal vergessen, die starken Eingangslichter auszumachen. Fazit: Genau dort, wo ich mich immer allnächtlich bewege, war alles hell erleuchtet. Und wohin diese Beleuchtung nicht reichte, sorgte der Vollmond dafür, dass man nicht unentdeckt bleiben konnte. – Was nun?
Es war Sonntagmorgen, was heißen will, dass genau um diese Uhrzeit die Nachtschwärmer nach Hause kamen. Na, und da war schon einer. In einer Küche ging Licht an, es wurde in Schränken gewühlt, das Wohnzimmerlicht ging an. Na servus. Was mach ich denn jetzt?
Sogar die Ecke, in der ich immer über den Zaun kletterte war hell beleuchtet. Jeder, der zufällig aus seinem Küchen- oder Wohnzimmerfenster schaute, konnte mich sehen, auch wenn er noch so schlaftrunken war. Die sich inzwischen eingefundenen Katzen schauten mich hungrig an und liefen unruhig hin und her.
Ich fasste mir ein Herz und erklomm den Zaun, wobei ich die Häuserwand nicht aus den Augen ließ. Erst wartete ich noch ein paar Sekunden in den Büschen, bevor ich in die Ecke zum Futterplatz hinüberhuschte.
Ich schlug mich in und hinter die Büsche, verteilte das Futter. Der King of the Road bestand auf seinem Vorrecht als Anführer und futterte einer kleinen Katze das Futter weg. Sie schaute mich ganz traurig an. So gab ich ihr einen Extraklacks zwei Meter weiter weg.
Als ich aus den Büschen wieder herauskam, war das Licht in der vorher beleuchteten Wohnung ausgegangen. Ein Glück. Danach begab ich mich zu den Futterstellen unter den Balkonen. Die Katzen flitzen erfreut um mich herum, mit steil aufgestellten Schwänzen. Sie hatten schon einen Riesenhunger und konnten es kaum erwarten, an das leckere Dosenfutter zu kommen.
Auf dem Rückweg über den hell erleuchteten Platz schrillte plötzlich der Weckruf meines Handies quer über das Gelände. Ich erstarre, mein Blut auch. Du lieber Himmel. Aber ich habs doch vorhin ausgemacht. Wieso piept das denn jetzt?
Hastig versuchte ich, dieses nervende Ding aus dem Umhängetäschchen zu kramen, um es vor dem zweiten Schrillton noch zu erwischen. Leider zu spät. Erneut tönte es durch die stille Nacht. Verdammt.
Ich drückte mich ganz eng an einen Flutlichtmast. Diese Masten sind dicker als normale Laternenpfahles und ich hoffte, so nicht aufzufallen. Ich klebte mich förmlich an diesen Mast, ja, mehr noch: Ich war in diesem Moment ein Flutlichtmast. Schließlich hat man uns in den 70iger/80igern dermaßen mit Ninja-Filmen überhäuft, da schaut man sich dann schon was ab. Ob man will oder nicht.
Ich beherrschte in jedem Fall die Technik des Flutlichtmasts. Leider reichte es nicht fürs Unsichtbarmachen hinter einer Nebelwolke. Da hab ich damals wohl nicht so richtig aufgepasst.
Ängstlich und mit angehaltenem Atem beobachtete ich die Fensterreihen. Kein Licht ging an, keine Tür oder Fenster öffnete sich, niemand fluchte oder rief. Vorsichtshalber blieb ich aber noch ein paar Minuten so stehen, als Flutlichtmast. Als sich dann aber nichts hinter den Fenstern rührte, ließ ich erst mal Luft ab und huschte ich schnellstens in gebückter Haltung hinüber zu den dunklen Büschen.
Weiß auch nicht, wieso ich gebückt rannte, denn man hätte mich so oder so sehen können. Gebückt oder aufrecht. Das machte ja nun wirklich keinen Unterschied. Bei den Lichtquellen heute.
Ich kramte schwerfällig meine Rucksäcke aus den Büschen hervor. Diese Büsche waren in den letzten Monaten ordentlich gewachsen und das durch-sie-hindurch-schleichen wurde immer schwerer. Sicher würde bald die Stadtgärtner-Truppe hier aufkreuzen und die Äste zurückschneiden.
Und dann würden sie die Futtertellerchen finden sowie das kleine Plastikfass, das ich für das Trockenfutter zum Schutz gegen Regenfälle extra hergerichtet habe. Und auch noch an einen Busch angekettet. Ja, die würden sicher dumm schauen, wenn sie das alles finden würden.
Vielleicht würden sie auch die vom Gesundheitsamt auf den Plan rufen. Aber die wissen ja eh, wer das ist, der da die Katzen betreut. Im Juli hab ich denen wieder geschrieben und aufs Neue um einen Schlüssel für das Tor zum Sportgelände gebeten. Nichts. Bis heute hat man mir noch nicht einmal geantwortet. Man ignoriert mich.
Ich begann die restliche Katzenrunde. Alles ruhig. Alles normal. Die Siamesin begleitete uns wieder ein Stück. Endlich ist der Sommer vorbei und die Nächte gehören wieder Charly und mir. Die „fiestas“ sind zu Ende, man trifft keine Leute mehr mitten in der Nacht auf der Strasse. Am liebsten sind mir die kalten, windigen und mondlosen Winternächte. Da kann ich mich bewegen wie ich will. Kein Mensch sieht oder hört mich, da alle in ihrem warmen Bettchen liegen und schnarchen. Und das bei geschlossenem Fenster. Das ist sehr wichtiger Punkt. Denn im Sommer haben alle Leute die Fenster offen und man hört es sofort, wenn mir mal ein Löffel oder ein Plastikdeckel zu Boden geht.
Der Grau-Weiße kam des Weges und miaute mich jämmerlich und erwartungsvoll an. Es gab einen Schöpflöffel voll Dosenfutter am Fusse ein Flutlichtmastes des Stadtparks. Bei jeder noch so leichten Bewegung meinerseits, stob der Kater davon. Das wird schwierig werden, das Kerlchen für die zweite Impfung einzufangen.
Charly wurde auf einmal aufmerksam und schaute neugierig zu den geparkten Autos hinüber. Ich duckte mich und schaute unter die Wagen und siehe da: der neue schwarz-weiße Kater war wieder aufgetaucht. Auch er bekam einen Klacks Dosenfutter, über das er sich sofort hungrig hermachte.
Etwas weiter auf einer Mauer erwartete mich schon der kräftige Kater „Consúl“, genannt nach der Straße, in der wir uns immer treffen. Nach über zwei Jahren habe ich es noch nicht geschafft, diesen misstrauischen Kater für mich zu gewinnen. Weniger als auf einen Meter lässt er mich nicht an sich heran, ab da funkelt er mich sofort warnend an. Den werde ich wohl mit einer Lebendfalle einfangen müssen. Sobald ich meine Kolonie auf dem Sportgelände durch habe.
Während ich das inzwischen leere Katzengeschirr an einem Brunnen wasche, geht Charly seiner Lieblingsbeschäftigung nach: in der Erde buddeln. Das ist seine ganze Leidenschaft.
Als ich dann auf einem Stück sonnenverbrannter Erde Taubenfutter ausstreue, höre ich schnelle Schritte. Ich trete aus dem Schatten der Pinien heraus und verursache dadurch bei der vorbeieilenden Dame fast einen Herzinfarkt.
Ein unterdrückter Schrei kam aus ihrer Kehle. Als ob ich Frankenstein in Person wäre. Wir kennen uns vom Sehen. Sie läuft immer ganz eilig die Straßen entlang, so, als ob sie gleich einen Zug verpassen würde. Bis jetzt hatten wir uns allmorgendlich immer nur freundlich aus Entfernung zugelächelt, doch heute kamen wir ins Gespräch.
Sie sagte, ich hätte ihr einen Riesenschreck eingejagt und hielt mir gleichzeitig eine lange, metallene Nagelfeile unter die Nase. Schau mal, sagte sie, die trage ich jetzt immer bei mir. Vor ein paar Tagen haben mich ein paar Typen angegriffen. Ein Glück, dass da gerade ein afrikanischer Junge des Weges kam, der sie in die Flucht schlug.
Ja, über die Gefährlichkeit da allein als Frau durch die Nächte zu wandern waren wir uns einig.
Klar, ich habe meinen Charly mit seinem gefährlichen Riesenmaul und dann auch noch ein Tränengasspray in dem Umhängetäschchen, da wo auch das nervende Handy untergebracht ist. Ich riet ihr, sich doch auch so ein Spray zu kaufen und sagte ihr auch gleich wo. Sie freute sich über den Ratschlag und versicherte, sich sofort heute noch eines zu kaufen.
Vor Monaten zweifelte ich an der Wirksamkeit eines solchen Sprays, vor allem, da ich es ja auch schon jahrelang, ohne es je einmal benutzt zu haben, mit mir herumtrug. Ich betrachtete argwöhnisch dieses kleine dicke Fläschchen. Hmmm, ob das auch wirklich funktioniert? Würde es mich in einem Ernstfall wirklich retten können? Ich beschloss, einfach mal auf den Knopf zu drücken und sehen, ob da überhaupt was herauskam. Schließlich hatte ich dieses Spray schon vor Jahren gekauft und es könnte ja sein, dass …… weiß nicht, dass nix mehr drin ist. Dass es ausgetrocknet ist. Oder dass es seine Wirksamkeit verloren hätte. Was weiß ich.
Ich drückte also auf den Auslöser und ja, es kam ein ordentlicher Schuss vernebelte Flüssigkeit heraus. Was ich bei dem Ganzen vergessen hatte, war die Tatsache, dass an diesem Tag ein ziemlicher Wind ging, der obendrein in meine Richtung wehte. Mit dem Ergebnis, dass das Tränengas bei mir mitten im Gesicht und natürlich auch in den Augen landete. Nun, ich kann versichern, dass dieses Gas nach all den Jahren in meinem Umhängetäschchen nichts an Wirksamkeit verloren hat. Oh Mann.
Zurück am Auto lud ich meine Rucksäcke ab, Charly hüpfte hinein und ich suchte die dunkle Straße nach der Siamesin ab. Sie weiß, dass ich ihr, bevor ich abfahre, noch ein bisschen leckeres Dosenfutter gebe. Wo war sie denn nur? Ich ging trotzdem zu der Mauer, auf der ich ihr immer das Dosenfutter gebe. Vielleicht kommt sie ja später. Aber da sehe ich sie schon vom Stadtpark her heraufrennen.
Normalerweise trippelt sie ganz gemütlich den Berg hoch, aber heute wusste sie, dass sie spät dran war und sie wollte ja ihr Dosenfutter nicht verpassen. Schnurrend kam sie an und machte sich gleich über das Futter her doch da hielt sie inne. Ich wunderte mich, ging aber schon zum Auto hinüber.
Als ich startete, warf ich nochmal einen Blick in ihre Richtung und sah, dass sich der King of the Road wieder einmal das Recht des Stärkeren herausgenommen hatte. Er fraß genüsslich, während meine Siamesin betröpelt an einer Ecke der Mauer sass. Ich seufzte, holte die Dose hervor und gab der Kleinen abseits etwas Futter.
Mit einem Seitenblick auf den unverschämten King dachte ich bei mir: Na warte Freunderl. Dir wird das Anführerdasein schon noch vergehen. Irgendwann erwisch ich dich. Sei es mit Lebendfalle oder Netz.
Dann gings los in Richtung Lokal, vorher kontrollierte ich aber noch die Straßenecke an der die beiden Wildlinge wohnten, um denen auch noch etwas an Futter da zulassen. Das Katerchen fraß dicht bei mir, von dem Kätzchen keine Spur. Sicher sass sie versteckt in den Büschen und traute sich nicht heraus.
Um 5h morgens ging es dann endlich in Richtung Lokal. Als noch ein paar Meter bis zur Eingangstür fehlten, fuhr auf einmal ein Polizeiwagen, einer von den „Mossos d´Esquadra“, die katalanische autonome Polizei, vor. Die, die immer bei den Demos dabei sind und uns vor den Taurinos beschützen. Man beäugte mich argwöhnisch, schuldbewusst hielt ich den Blicken stand. Wieso schuldbewusst? Also mich beschleicht immer ein ungutes Gefühl, wenn ich aus strengen Polizistenaugen begutachtet werde. Man meint ja dann immer, irgendwas angestellt zu haben. Ich überlege dann ganz fieberhaft, ob ich vielleicht bei Rot über die Ampel bin oder sonst irgendwie was gemacht habe, was den Freunden und Helfern nicht gepasst hat. Naja, Straßenkatzen füttern. Das ist verboten. Das wäre ein Grund, mir eine Anzeige zu verpassen.
Flink zückte ich meinen Schlüssel und entschwand mit Charly hinter der Haustür während der Polizeiwagen davonfuhr. Ein Glück. Eine Nacht ohne besondere Vorkommnisse.
Caroline









