9th Januar 2009

Die Gefühle der Tiere, die psychische Belastung ihrer Retter

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Tiere haben Gefühle, empfinden Freude, Trauer, Schmerz und Angst. Das Schlimmste Gefühl für ein Tier ist das Ausgeliefertsein, es weiß nicht was passieren kann, was passieren wird, es empfindet Todesangst. So wie dieser Hund der in diesem bedauernswerten Zustand in einer Perrera landete. Durchnässt, verfroren, erschöpft, eingefangen von städtischen Hundefängern die nicht gerade zimperlich mit den Tieren umgehen. Die Angst steht der Hündin im Gesicht geschrieben.
Inzwischen ist das Tier in in einer spanischen Pflegefamilie. Es handelt sich um eine recht alte Hündin und man wird sie nun erst einmal auf diverse Krankheiten untersuchen.

Es gibt keine offiziellen Zahlen über die Anzahl der städtischen Tötungsanstalten in Spanien, fast jede Stadt und jede größere Gemeinde hat eine Perrera, viele arbeiten nicht mit Tierschützern zusammen, oder aber hablherzig, indem sie ihnen keinen freien Zutritt gewehren und ihnen nur einige wenige der vielen Tiere zwecks Fototermin präsentieren. Oder aber die Tierschützer fotografieren heimlich, um zumindest einigen Hunden und Katzen die Change auf eine Adoption zu ermöglichen. Es ist immer ein Wettlauf gegen die Zeit, von Provinz zu Provinz unterscheiden sich die Fristen bis zum Tötungstermin. Viele Helfer haben Angst, wenn sie die oft unhaltbaren Zustände solch einer Einrichtung öffentlich anprangern, nicht mehr hineingelassen zu werden.
Egal ob die Tierschützer versuchen einige zum Sterben verurteilte Tiere zu retten oder aber in einem Tierheim arbeiten, oder aber privat tätig sind,  weil sie dem Elend nicht mehr tatenlos zusehen wollen, es ist für sie alle die dort vor Ort helfen, eine enorme psychische Belastung. Misshandlungsfälle, Tod, Frust, Enttäuschung und Erfolgserlebnisse, ein auf und ab der Gefühle belastet diese Menschen, die oft bis zur Erschöpfung arbeiten.

Eine dramatische Beschreibung jener Wirklichkeit, in der viele Menschen leben, die in Tierheimen arbeiten oder ausgesetzte Hunde retten,  ist diese Erzählung.

Der Text wurde von Joan Fremo verfasst, der inzwischen verstorbenen Gründerin von “Pyrangels”, ein Netz zur Aufnahme von ausgesetzten und misshandelten Hunden in Spanien.
Ihr Lebenswerk diente vielen in ihrem Land der Hilfe und Inspiration.

Ich will nicht mehr!

Ich bin nicht gesund; da sind Tage, an denen ich mich so schlecht fühle, dass ich mich am liebsten überhaupt nicht rühren würde. Meine Telefonrechnungen gehen in’s Astronomische. Für das Geld, das ich in den letzten drei Jahren für Tiere ausgegeben habe, die mir nicht gehören, hätte ich mir einen neuen Transporter kaufen können.

Ich will nicht mehr!
Ich versende stundenlang E-Mails über Hunde. Wenn ich mit der Arbeit beginne, sind 500 Mails im Eingang. Um vier Uhr morgens, wenn ich den Computer abstelle, sind immer noch 500 Mails da, die ich lesen muss.

Ich will nicht mehr!
Lieber Gott, ich habe nicht einmal die Zeit, meinen Freunden eine Mail zu schicken. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Buch gelesen habe. Ich sehe nicht mehr die von mir abonnierte Lokalzeitung durch. Früher fand ich es lustig, sie von vorn bis hinten durchzulesen. Jetzt landet sie meistens ungelesen im Käfig des Eichhörnchens.

Ich will nicht mehr!
Ich habe Tage damit verbracht, E-Mails in die halbe Welt zu schicken, um ein Zuhause für Hunde zu finden; um Hilfe für einen Hund zu finden, der im Heim verkümmerte und dessen Tage gezählt waren.
Und dann hat man ihn eingeschläfert, um einer anderen Seele in Not Platz zu machen.

Ich will nicht mehr!
Ich versichere euch, dass ich nur vom Computer aufstehe, um mir die Füße zu vertreten und mit den Hunden hinauszugehen, und wenn ich wieder hereinkomme finde ich schon wieder einen Hund, der verzweifelt Hilfe benötigt. Manchmal werde ich fast verrückt, wenn ich meine E-Mails sehe. Wie soll ich die Mittel und Hilfe auftreiben, um einen weiteren Hund zu retten?

Ich will nicht mehr!
Ich rette einen Hund, und zwei weitere nehmen seinen Platz ein. Einmal, weil der Besitzer den Hund nicht mehr will, nur weil er nicht innerhalb des nicht eingezäunten Gartens bleibt. Ein Rüde streicht dort herum. Eine Hündin wurde von einem Streuner gedeckt. Ein drei Monate alter Welpe hat ein paar Küken umgebracht. Jemand zieht um und muss den Hund bei uns lassen. Meine Freunde, ich frage euch: welche kleine oder große Stadt erlaubt nicht, Haustiere zu haben?

Ich will nicht mehr!
Gerade habe ich wieder ein Foto von einem Seelchen erhalten, das nur aus Augen voller Qual und Folter in einem unterernährten Körper besteht. In meinen Träumen höre ich Wimmern, ich habe tagelang Alpträume.

Ich will nicht mehr!
Viele Hundezüchter wollen anscheinend nichts von uns wissen. Die Züchter merken nicht, oder wollen einfach nicht sehen, oder es ist ihnen egal, dass viele ihrer Rassehunde in unseren Heimen sterben.

Ich will nicht mehr!
Ich habe das Telefon aufgelegt, “sind Sie Pyrangels? Wir möchten einen Rüden adoptieren, damit er unsere Hündin deckt”. Wie oft muss ich das noch erklären! Ich habe versucht, über Genetik, über Gesundheit und Stammbäume zu sprechen. Ich erkläre, dass das Heim seine Tiere KASTRIERT!.
Meistens bin ich zum Schluss am Weinen, sage ihnen, wie viele Tiere landesweit in Heimen sterben, beschreibe ihnen, in WELCHEM ZUSTAND VIELE DIESER AUFGEFUNDENEN TIERE kommen. Ich frage mich, ob sie mir eigentlich zuhören.

Ich will nicht mehr!
Es geht nicht darum, dass ich nicht ausreichen Hunde im Heim hätte, um die ich mich kümmern muss. Es gibt andere, die Hunde ohne jede Kontrolle vermittelt haben und auch nicht anwesend sind, um ihre neuen Besitzer beraten zu können.

Ich will nicht mehr!
Einige Heime scheinen sich mit ihrer Skrupellosigkeit noch zu brüsten: Aufkäufer, Typen die betrügen und unter dem Vorwand der Tierhilfe Gewinne machen. Die anderen, die alle aufgefundenen Hunde zusammen unterbringen, ohne das Temperament oder die besonderen Eigenheiten eines jeden zu berücksichtigen, und damit ihre Kollegen in anderen Heimen und die neuen Besitzer dieser Hunde in Gefahr bringen, weil sie nicht aufrichtig waren.

Ich will nicht mehr!
Ich habe den falschen Menschen geglaubt und sie haben mir das Herz gebrochen.

Ich will nicht mehr! ABER DANN…
Mein Hund Magnus legt seinen Kopf auf meinen Schoss, er tröstet mich mit seiner lieben Gegenwart.
Der Gedanke an seine leidenden Vettern betrübt mich.

Ich will nicht mehr! ABER DANN…
Eine der 500 Mails ist von jemandem, der einen Hund aufgenommen hat. Man dankt mir dafür, dass ich ihnen zu dem wunderbarsten Hund der Welt verholfen habe, sie können sich ein Leben ohne ihn nicht mehr vorstellen. Ihr Leben hat sich verändert und sie sind mir unsagbar dankbar dafür.

Ich will nicht mehr! ABER PLÖTZLICH…
Einer meiner Hunde ist zu Besuch in einem Pflegeheim gewesen. Einer der Patienten, der in den letzten Jahren den Kontakt zu seiner Umgebung verloren hatte, hebt plötzlich die Hand und legt sie auf diesen riesigen Kopf in seinem Schoß und spricht nach Jahren zum ersten Mal wieder, und spricht zu diesem freundlichen, behaarten Wesen.

Ich will nicht mehr! ABER PLÖTZLICH…
Jamie machte seine ersten Schritte, indem er sich an unseren Hund klammerte. “Joan, du solltest diesen Hund sehen, wie er um die verletzte Katze bemüht ist”. “Ich war so krank… ach Joan, und der Hund ist nicht einen Moment von meiner Seite gewichen”.

Ich will nicht mehr!
Eine Mail von einem Kollegen geht ein: “Hab’ lange nichts von dir gehört. Geht es dir gut? Du weisst, dass ich mir Sorgen um dich mache”.

Ich will nicht mehr! UND DANN…
Ein Dutzend Helfer kommen und packen mit an, transportieren, räumen auf, sprechen Mut zu.
Ich habe Freunde, die ich noch nie gesehen habe, und trotzdem haben wir zusammen geweint und gelacht, und alles was dazwischen liegt.
Ich bin nicht allein. Ich bin mit einer lieben Familie gesegnet, meinen Freunden und Kollegen, den Hunde-Rettern.
Vor ein paar Tagen half mir ein Freund mit seinen Einfällen und seinem Wissen, und seine Mail im Morgengrauen gab mir wieder Mut.
Manchmal sind es Freunde, die gerade nur die Zeit haben, ein Lächeln zu schicken.
Oft sind es Freunde, die mir Nachricht über neue Hunde in Not geben.

Es gibt Hunde-Retter, die sofort einspringen, wenn ein Transport nicht funktioniert. Retter, die die ganze Nacht deinen Hund bewachen, während du nach einer neuen Fortbewegungsmöglichkeit suchst.

Es gibt Retter, die an gewisse Rassen nicht gewöhnt sind und sich bei ihnen nicht wohl in ihrer Haut fühlen, aber sie schieben ihre Ängste zur Seite, nur um dir zu helfen.

Es gibt Retter, deren Worte unser Herz erfreuen. Pflegestellen, die den von dir geretteten Hund wirklich lieb haben und ihm helfen, seinen ursprünglichen Körper und Geist wiederzuerlangen.

Pflegestellen, die deinen Schützling so gut wie möglich unterzubringen versuchen, auch wenn er nicht gerade zu der von ihnen bevorzugten Rasse gehört.

Retter, an die wir um ganz verschiedene Arten von Hilfe bitten und die uns antworten, die uns zuhören und auf unsere Bitten eingehen.

Retter, die zur Familie werden,uns Kraft geben, Kameraden in diesem Kampf. Ich weiss, dass ich nicht jeden Hund in Not retten kann.
Ich weiss, dass all meine Anstrengungen nur ein Tropfen auf den heißen Stein sind. Wenn ich einen weiteren Hund aufnehme, weiss ich, dass die anderen darunter leiden werden.

Ich will nicht mehr!
Aber ich gebe mich nicht geschlagen. Wenn ich verzweifelt und am Ende bin, streichle ich den Kopf von meinem Hund Magnus und lese die E-Mails von meinen Kollegen, den Rettern.

Ich weine mit ihnen, ich lache mit ihnen und so helfen sie mir, die Kraft zum Weitermachen zu finden.

Ich will nicht mehr!
Nur heute noch. Da ist eine neue E-Mail, ein weiterer Hund, der eine Unterkunft braucht.

Diese Worte widme ich in Liebe und Dankbarkeit all meinen Kollegen, den Rettern.

Wer die Dinge ändern will sucht nach Mitteln. Wer sie nicht ändern will, sucht nach Ausflüchten.

Freitag, Januar 9th, 2009, 04:07 | Allgemein, VIDEOS | kommentieren | Trackback

Kommentar zu “Die Gefühle der Tiere, die psychische Belastung ihrer Retter”

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  1. 1 9. Januar 2009, Ursula Seeger schreibt:

    Ich verstehe Dich so gut, mir geht es ähnlich schlecht momentan (mache seit 10 Jahren Tierschutz in Spanien)
    Bitte mach weiter, die Tiere brauchen uns!!!

    Mir geht es gut, habe nur etwas zu viel Arbeit, aber egal, die Tiere haben keine Stimme, wir müssen sie ihnen geben, die Tierschützer vor Ort unterstützen udn vor allen Dingen mit dazu beitragen die Zustände vor Ort zu ändern, sonst bleiben alle Mühen nur ein Tropfen auf dem heißen Stein ..am schlimmsten ist es für die Menschen die vor Ort, die hautnah, tagtäglich mit all dem Elend konfrontiert sind, wir haben immerhin noch ein wenig Abstand zum Geschenen.
    Ursula, wenn es dir schlecht geht, versuch ein wenig langsamer zu machen und dich auf die wesentlichen Dinge zu konzentrieren. Ein Zusammenbruch hilft niemanden, am wenigsten den tieren. Alles gute und viel Kraft.

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