Aus dem Tagebuch einer Tierschützerin: Freud und Leid, unzertrennliche Weggefährten
Heute, Sonntag, musste ich meinen Sohn Cristian (ja, ohne “h”, weil sein Vater bei der Einschreibung im Register nicht wusste, wie man “Christian” schreibt. Seufz. Wär ich nur mal besser hingegangen)… nun, ich brachte ihn in eine nahegelegene ländliche Gegend wo er mit Studienkollegen den Wald nach ganz speziellen Gewächsen durchsuchen musste. Was eben ein richtiger Biologe werden will, muss auch wissen, wie man durch den Wald stromert.
Die Sonne schien, eine leichte Brise wehte, Temperaturen ganz nach meinem Geschmack, nicht zu warm, nicht zu kalt. Endlich war dieser ungemütliche Winter vorbei. Alles war grün. Ich freute mich sehr an dem Anblick, denn in der Stadt bekommt man kaum den Jahreszeitenwechsel mit.
Ich war richtiggehend euphorisch. Das schöne Wetter, die kleine Landpartie und vor allem: ich hatte keine Zahnschmerzen mehr. Herrliches Gefühl. Zwar hat die Notfallbehandlung ein äußerst bedenkliches Loch in die Haushaltskasse gerissen, aber ich hielt die Schmerzen der Entzündung des Nerves einfach nicht mehr aus. Trotz Medikamente.
Gut gelaunt trällerte ich zu den Country-Songs meiner CD. Mein Sohn warf mir amüsierte Seitenblicke zu, verbiss sich aber jeglichen Kommentar. Er war wohl auch froh, mich endlich mal wieder bei guter Laune zu sehen, nach den ca. 8 Tagen mit schmerzverzogenem Gesicht und schlechter Laune.
Ich ließ Cris bei seinen Studienfreunden und tuckerte davon. Der leichte und schon warme Fahrtwind blies durch das offene Fenster. Mich überkam das unwiderstehliche Verlangen, einen Spaziergang zu machen. Ich fuhr von der Bundesstraße ab, hinein zwischen noch grüne Weizenfelder und Mohn und Löwenzahn verzierte Wiesen. Wie schön. Fast wie zuhause. Heimweh machte sich in mir breit.
Ich entdeckte ein paar leere Gebäude mit großer Wiese und Obstbäumen. Sah alles unbewohnt und unbenutzt aus. Ich stieg aus und sah mir alles genauer an. Ideal für ein Katzenheim.
200 m weiter weg stand ein Bauernhaus wo ich kurz entschlossen nachfragte, ob dieses Grundstück zu vermieten oder zu kaufen sei. Klar, kaufen käme bei mir niemals in Betracht. Aber man kann ja mal fragen.
Die nette Bauersfrau informierte mich, dass der Besitzer jemand aus der Familie sei und sie wüsste, dass man die Gebäude als Unterstand für Traktoren und diverses bäuerliches Handwerkszeug benutzen würde. Schade.
Wir kamen ins Gespräch, wobei eine 20jährige alte Siamkatze den Weg kreuzte und sich dann wohlig in der Sonne strahlte. Danach kam ein vorwitziger Shi-Tsu die Treppe heruntergestürmt und beäugte mich neugierig.
Ich gab der netten Bauersfrau eine Visitenkarte und bat sie, mich doch zu informieren, wenn sie etwas in Erfahrung über zu vermietende leere Ställe, leere Unterstände oder gar Bauernhäuser bringen sollte. Etwas, was ein vernünftiges Dach hat, vier Wände und Fenster und Türen. Den Rest erledige ich dann schon.
Ich holte Bobby Lee aus dem Auto und begannen durch die sonnendurchflutete Landschaft zu spazieren. Der Weizen stand schon hüfthoch. Stare, Amseln, Spatzen und andere Vögelchen flogen emsig hin und her. Lächelnd lauschte ich ihrem eifrigen Gezwitscher. Da erspäte ich von weitem ein typisches katalanisches Bauernhaus. Die Fensterläden waren geschlossen. Hmmm. Da gehen wir doch gleich mal hin.
Ja, ein imposantes Bauernhaus, das einfach so leer stand. Weiter unten floss ein Fluss, rechts und links davon hoher Baumbestand, der Rest grüne Löwenzahn- und Mohnwiesen. Seufz. Der erwacht doch der blanke Neid. Das war ein Katzen- und Pferdeparadies wie es noch keines vorher gegeben hat. Ich dachte an Leonor von ADE / Asociación en Defensa de los Equidos, die eine zweite Zuflucht für Pferde aufbauen will, aber immer an der astronomischen Preisen der jeweiligen Grundstücke scheitert.
Auf dem Rückweg bemühte ich nochmals die Bauersfrau, ob sie wohl wusste, wem diese “masia” (katalanisches Bauernhaus) gehörte. Nein, aber die Besitzer seien in einem Altersheim und jetzt wohnte dort ein junger Mann, der auf das Haus aufpasst. Und keine Miete dafür zahlt. Seufz. Wieso kann mir so etwas nie passieren?
Ich solle doch mal bei der Policía Local nachfragen, vielleicht wüssten die es. Nein, leider nicht. Aber ich werde morgen in dem Rathaus von L´Ametlla del Vallés anrufen. Vielleicht hilft man mir da weiter. Wer weiß, vielleicht vermieten sie mir ja dieses enorme Bauernhaus für eine Katzenresidenz oder verkaufen es an Leonor für die Pferde. Mal sehen.
Frohen Mutes über die evtl. bevorstehende Veränderung in meinem Leben und das der meiner und vieler noch unbekannten, aber in diesem Moment leidenden Tiere fuhr ich zurück auf die Bundestrasse. Mit geöffnetem Fenster fuhr ich Countrysongs trällernd unter dem blauen Himmel entlang, bis zu dem Moment als mich ein Kleinlaster überholte und ich die Köpfe einiger Rinder, die sich hinter den Seitengittern dieses Fahrzeugs befanden, erspähte.
Jäh schossen mir Tränen in die Augen. Die waren unterwegs zum Schlachthof. Ihr kurzes Leben würde binnen kurzer Zeit zu Ende sein. Und was für ein Ende. Seit der Tierschutzkonferenz letztes Jahr, die die Anwaltskammer von Barcelona gegeben hat und auf der ich verschiedenen Experten aus dem sp. Landwirtschaftsministerium und der EU aus Brüssel in der Materie “Schlachthöfe, Viehhaltung- und Viehtransport und deren Nicht-Einhaltung fast aller diesbezüglichen EU-Gesetze in Spanien” zugehört hatte, wusste ich genau, was diese Tiere erleiden müssen und was ihnen jetzt bevorstand.
Videos von Schlachthöfen und Tiertransporten schau ich mir gar nicht mehr an. Diese Augen voller Panik und Schmerz verfolgen mich dann für den Rest meines Lebens. Ich habe einen gesehen und der hat mir mein Herz in Stücke zerschnitten.
Ich blickte dem Laster mit dem zum Tode verurteilten Tieren traurig hinterher. Sie waren auf dem Weg in einen qualvollen Tod. Ach, könnte ich doch nur so ganz im Stil “Miami Vice” oder “Die Straßen von San Francisco” (schmunzel, man merkt, welcher Jahrgang ich bin, nicht wahr?) vor diesen Laster hinfahren, ihm den Weg kreuzen, kurzerhand ein paar Tausender auf die Kühlerhaube knallen und die Rinder mitnehmen. Mit Laster, wenns sein muss.
Vorbei war es mit dem Trällern, vorbei mit der Betrachtung der frühlingshaften Landschaft ringsumher. Dunkle Wolken zogen auf. Nur in meinem Gemüt, klar. Ich sinnierte traurig darüber nach, wie es diesen Tieren im Laster wohl ergehen würde. Nur damit morgen, Montag, frische Schnitzel oder Hackfleisch im Kühlregal liegen.
Und noch trauriger und wütender wurde ich, weil ich wusste, dass viel von diesem Fleisch letztendlich doch im Müll landet. Was für ein unnützes Leben, das wir diesen Tieren antun. Nur Leid von Geburt an bis zum entsetzlichen Tod.
Man sollte das Projekt der Universität von Eindhoven mit Millionen von Euro unterstützen. Dort ist es Wissenschaftlern gelungen aus Muskelstammzellen vom Schwein, die in eine Nährlösung gegeben wurden, Fleisch zu “ernten”. (Zeitschrift “Guter Rat” Sonderheft Gesundheit Nr. 1/2010 auf Seite 7) Ein voller Erfolg, aber noch schmeckt es nach nichts und wäre auch zu teuer. Aber man arbeitet daran.
So könnte man viele Tiere vor einem entsetzlichen Leben und vor einem noch schrecklicheren Tod bewahren, aber dennoch kämen die Menschen, die in uns “Grünzeugfresser” seltsame Gestalten sehen und die nicht auf ihren Sonntagsbraten verzichten wollen oder können, wenigstens in den Genuss von Fleisch, das aber nicht mit Leid und Tod in Verbindung steht.
Während ich so nachdenklich dahinfuhr, hatte ich schon vier frisch überfahrene Igel gesehen. Einer mitten auf der Fahrbahn, die anderen auf dem Seitenstreifen. Was für perverse Typen das doch sind, diese Spanier.
Da wird direkt draufgehalten und das Tier überfahren. Das machen die auch mit Katzen oder kleinen Hunden. Toller Spaß. Mensch, würd ich doch nur mal einen erwischen. Soooo klein mit Hut wäre der, wenn ich mit dem fertig wäre. Ich fluchte in mich hinein. Da platzt doch einem wirklich der Kragen. Tierquälervolk. Keinen Respekt vor nichts.
Vor Jahren hatte ich auch mal eine Begegnung mit einem Igel auf einer Bundesstraße. Doch statt das arme Kerlchen zu überfahren, stellte ich mich schützend mit dem Wagen über ihn, schaltete die Warnblinkanlage ein, hüpfte aus dem Auto und grabschte das verängstigte Tier hervor, wobei ich mich erst mal lang auf den Boden legen musste, um an das Igelchen zu kommen.
Die Blicke der vorbeifahrenden und hinter mir stehenden Autofahrer konnte man von leicht dümmlich über angenehm verwundert bis hin zu grinsendem unverständlichem Kopfschütteln bezeichnen. Was mich aber überhaupt nicht berührte. Ich trug in aller Seelenruhe das Igelchen ins Auto. Die stachelige Kugel entpuppte sich später dann als gestandener Igelmann.
Ich hatte gerade einen leeren Karton bei mir, der ihm als erste Zuflucht diente, bis wir Zuhause ankamen. Sohnemann, damals so ca. 8 Jahre, war hocherfreut als er sah, was ich ihm da mitbrachte. Er hatte bis dahin noch nie einen Igel gesehen.
Jaja, da merkt man, dass wir in der Stadt leben. Ich hatte bis zu meinem 8 Lebensjahr ich weiß nicht wie viele Igel schon gesehen. Seufz. Glückliche Kindheit auf dem Land. Wir hatten sogar an einigen Wintern Igel zu Gast. Das war eine Freude, wenn sie hochbeinig durch das Wohnzimmer flitzten. Und beißen konnten die. Mein lieber Mann.
Am Wochenende fuhren wir dann gemeinsam mit Freunden hoch in den Naturpark des Montsenys, wo keine Autos hinkommen und ließen ihn dort mitten in einem herrlichen Waldgebiet frei. Dort gab es Futter in Hülle und Fülle für ihn und kaum Gefahren. Wenigstens nicht von Menschen und ihren Autos.
Tourismus am Montseny
Irgendwie kann ich nicht nachvollziehen, welche Art von Befriedigung ein Mensch erhält, wenn er absichtlich einen Igel oder sonst ein Kleintier überfährt. Ein Jux? Eine Gaudi? Schaut mal, was für ein toller Kerl ich bin? Männliches, selbstzufriedenes Schulterklopfen und Gelächter.
Warum ich nur von Männern spreche? Nun, ich glaube kaum, dass eine Frau fähig ist, einem anderen Lebewesen gewollt Leid oder gar den Tod zuzufügen. Nun, der Prozentsatz ist jedenfalls sehr gering. Die Insassen aller Gefängnisse der Welt bestehen aus 96 % Männern und der verschwindende Rest von vier Prozent sind Frauen.
Auch die Anhängerschaft von den blutigen Stierkämpfen ist überwiegend, sehr überwiegend männlich. Woran das wohl liegt?
DER SPIEGEL 39/2008: Männer sind extremer
Caroline





